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Speisung der Fünftausend

Predigt über Lukas 9, 10 - 17

Liebe Gemeinde,
nicht weniger als 6 Mal steht die eben gehörte Geschichte im neuen Testament. Sie muss also den ersten Christengemeinden eine der wichtigsten Geschichten mit Jesus überhaupt gewesen sein. Wenn ich sie heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts höre, dann stellt sich mir die Frage: Können wir sie, zumindest als Jüngere, überhaupt noch wirklich verstehen? Fehlt uns dazu in unserem reichen Mitteleuropa nicht die entscheidendste Voraussetzung, nämlich zu wissen, was Hunger bedeutet? Nicht wie, mit dem Wenigen, was an Nahrung zur Verfügung steht, hauszuhalten, bewegt heute die Menschen, sondern zumindest in den Regierungen wird darüber diskutiert, wie die Erträge zu begrenzen sind, damit die Preise stabil bleiben. Durch die gesamte bisherige Menschheitsgeschichte hindurch war das anders: Da wurden die Völker immer wieder erschüttert von furchtbaren Hungersnöten. So starb beispielsweise 1771/72 nach zwei Missernten an die 10 % der Bevölkerung unseres Sachsenlandes an Hunger. Wie oft suchte man sich mühevoll mit etwas Gras und mit Wiesenkräutern zu ernähren! Was gab es damals in den Hungerjahren 1945/46 für furchtbare Szenen, als man um Lebensmittelbetteln ging oder für ein wenig Brot oder ein paar Kartoffeln sein Hab und Gut versetzte! - Ich denke, es tut uns dringend Not, dass wir uns daran immer wieder erinnern lassen, dass wir bedenken: Es ist eben bei weitem nicht selbstverständlich, zu essen zu haben. Und: Es gibt noch heute Millionen und aber Millionen Menschen auf dieser Welt, die sich beständig um ihr täglich Brot sorgen müssen. All das sollten wir im Hintergrund haben, wenn wir die Geschichte von der Speisung der 5000 bedenken. Ich möchte sie nicht nacherzählen und Stück für Stück auslegen, sondern einfach vier Beobachtungen in dieser Geschichte weitergeben, die für uns heute wichtig sein könnten: 1. Hungrige an Leib und Seele lassen sich nicht abschütteln. Da wird uns berichtet, dass Jesus mit seinen Jüngern nach einem Missionseinsatz offensichtlich für einige Zeit allein sein will. Gemeinsam wollen sie Rückschau halten und sich für etwas Neues zurüsten lassen. Solche Zeiten sind ja dringend nötig, wenn man nicht irgendwann leer und ausgebrannt liegen bleiben will. "Jesus nahm die Jünger zu sich und entwich abseits in eine Stadt, die da heißt "Bethsaida." , so weiß Lukas zu berichten. Aber aus dem "Zurückgezogensein" wird nichts. Die Leute kommen Jesus einfach in Massen nach, sie wollen noch mehr von ihm hören, wollen seine wohltuende Nähe spüren. Und Jesus weist sie nicht ab: "Er ließ sie zu sich und sagte ihnen vom Reich Gottes und machte gesund." Aus der Ruhe wird nichts. Die Menschen lassen sich nicht einfach zurückweisen. Könnte das auch für uns wichtig sein? Gibt es nicht die Momente, in denen wir ganz für uns sein wollen, uns zurückziehen möchten und ausgerechnet da kommt jemand, der mit uns reden will? Jeder von uns hat ein Bedürfnis und ein Recht auf Ruhe, aber doch ist es gut, wenn wir uns auch dort, wo wir uns die Ruhe fest vorgenommen, mitunter stören lassen, wenn wir jemanden, der uns braucht, nicht einfach abwimmeln. Nehmen wir uns manchmal die Zeit dazu, auch wenn es uns nicht leicht fällt. 2. Jesus handelt manchmal völlig gegen unsere Vorstellungen. Als die Sonne an diesem Tag schon ziemlich weit gesunken ist, da werden Jesu Jünger aktiv. Sie denken ganz praktisch: "Es ist schon spät, Jesus.", so sagen sie. "Setze endlich ein Amen unter deine Predigt und schick die Leute weg in die umliegenden Dörfer. Sie brauchen doch zu essen und ein sicheres Nachtlager, all das können wir ihnen doch unmöglich bieten. Herr, wir meinen`s doch bloß gut." - Aber nein, Jesus denkt ganz anders. Er erteilt ihnen den unglaublichen Auftrag: "Gebt ihr ihnen zu essen." Das ist nun freilich ganz unvorstellbar: Ganze fünf Brote und zwei Fische haben sie dabei, vielleicht gerade einmal ausreichend für die Jünger selbst. Und in der Kasse sieht es wohl auch nicht so rosig aus, dass man schnell noch für 5000 Leute Verpflegung organisieren könnte. Aber Jesus bleibt bei seinem Auftrag: "Gebt ihr ihnen." Entgegen allen vernünftigen Ideen, so wichtig sie normalerweise sind, will er aus dem wenigen diese riesige Menschenmenge satt machen. Ich bin mir sicher: Das gibt auch heute noch. Wir meinen ganz genau zu wissen, was Gott, was Jesus zu tun hat. Wir sagen es ihm immer wieder im Gebet. Er braucht im Prinzip nur noch unsere klugen Gedanken umzusetzen. Aber er hat etwas völlig anderes vor und setzt es Schritt für Schritt um, am Ende viel wunderbarer noch, als wir es uns hätten denken und träumen können. 3. Jesu Wirken geschieht nicht ohne Struktur. Diese 5000 Menschen bekommen nicht einfach plötzlich wie durch Zauberkraft ein Stück Brot und ein bisschen Fisch in die Hand und in den Mund. Nein, die Jünger sind dabei gefragt und erhalten von Jesus einen Auftrag: "Sorgt dafür, dass die Leute sich in Gruppen zu fünfzig Leuten setzen." Was das für eine gewaltige Aufgabe ist, 5000 Leute in 100 Gruppen einzuordnen, das kann wohl nur der erahnen, der einmal eine Massenveranstaltung oder Massenverpflegung zu organisieren hatte. Wie werden die Jünger haben reden müssen, bis sie die vielen Leute so geordnet hatten, wie es von Jesus angewiesen war! Interessant ist dabei, dass die Zahl fünfzig wahrscheinlich die Zahl der Mitglieder einer Hausgemeinde gewesen ist, wie sie in der Apostelgeschichte erwähnt werden, eine Gruppe, nicht zu klein, aber auch nicht so groß, dass man einander nicht mehr kennt. Für mich ist diese Weisung Jesu, die Menschen in Gruppen einzuteilen, ein Hinweis, dass es eben auch beim Bau des Reiches Gottes nicht ohne Strukturen, nicht ohne Organisation geht. Schon im Volk Israel, bei der Wüstenwanderung und beim Einzug ins gelobte Land wird das deutlich, dann aber auch in der Apostelgeschichte, wo es immer wieder auch um Strukturen, um die Gesamtkirche und um Hausgemeinden geht. Wir tun dem Bau der Gemeinde keinen guten Dienst, wenn wir solche Organisation für überflüssig erklären. Immer wieder hat Gott gezeigt, dass er die festen Strukturen braucht, um seinen Segen auszuschütten. 4. Das Wunder beginnt mit dem Danken und Teilen. Es heißt hier: "Jesus nahm die fünf Brote und zwei Fische und sah auf gen Himmel und dankte darüber und gab sie den Jüngern, dass sie sie dem Volk vorlegten." Jesus tut zunächst das, was ein normaler jüdischer Hausvater beim Essen tut: Er spricht ein Dankgebet, um dann die Speisen, das Fladenbrot und die Fische auszuteilen. Bei den vielen Menschen, hundert Gruppen zu fünfzig Menschen, bedarf er natürlich der Hilfe seiner Jünger, die von Gruppe zu Gruppe gehen und gewissermaßen Tischdienst machen. Alle sind im Dank mit Jesus verbunden und immer wieder wird das zunächst so wenige geteilt, so dass nicht nur alle satt werden, sondern sogar noch eine Menge übrig bleibt. Auch das haben wir alle schon gemerkt: Dort, wo etwas mit Dank empfangen wird, da geschieht etwas, das sich gar nicht in Worte fassen lässt, da wird etwas sichtbar von dem großen Segen Gottes. Und auch das haben mir schon viele aus eigener Erfahrung bestätigt: Dort, wo geteilt wird, da wird aus dem wenigen oft mehr. Wenn wir heute Abendmahl feiern, dann werden uns diese beiden Aspekte der Ökonomie Gottes vor Augen geführt: Wenn wir Abendmahl feiern, da sind wir mitten drin in der großen Gemeinschaft derer, die Gott danken. "Fest des Dankes", Eucharistie, wird deshalb das Abendmahl in der Tradition der Kirche auch genannt. Und: Abendmahl heißt auch, miteinander zu teilen, das Brot und den Wein im Kelch. Wir sollten uns dabei erinnern lassen, dass zu diesem symbolischen Teilen auch das praktische Teilen mit den Ärmsten der Armen verbunden sein soll, dass wir wie die Jünger damals das Brot dem großen Volk der hungernden Brüder und Schwestern vorlegen sollten. 5. Das Wunder zeigt, wer Jesus wirklich ist: Gottes Sohn. "Sie aßen und wurden alle satt und es wurde aufgehoben, was ihnen übrig blieb von Brocken: Zwölf Körbe." Das heißt: Es ist am Ende, nachdem alle sattgeworden sind, bedeutend mehr da als am Anfang zur Verfügung stand. Jemand hat einmal ausgerechnet, dass sich die fünf Brote und zwei Fische nicht weniger als vertausendfacht haben. Das ist eindeutig etwas, das den Naturgesetzen dieser Welt völlig widerspricht. Keiner von uns kann das machen. Wenn uns irgendwo Scharlatane vorgaukeln, dann beruht das auf faulen Tricks. Nicht umsonst hat der große russische Gelehrte Michail Lomonossow das Gesetz von der Erhaltung der Masse formuliert, das besagt, dass Materie weder plötzlich neu entstehen noch verschwinden kann. Wenn hier aber dennoch von fünf Broten und zwei Fischen 5000 Leute satt werden und noch 12 Körbe an Brotkanten übrig bleiben, dann ist einer am Werk, der letzte Macht hat über die Naturgesetze, "der, wie Bach einmal im Weihnachtsoratorium singen lässt, "der die ganze Welt erhält und ihre Pracht und Zier erschaffen.", der, der von sich sagen kann: "Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden." Er möchte auch heute, wo und wann und wie er will, nicht immer so wie wir es uns wünschen, in unerwarteter Weise eingreifen in unser Leben. Er hat seine eigene Mathematik, mit der er unsere Rechnung gestaltet. Von ihm gilt auch noch heute, was Johann Gottfried Lessing, der Vater des berühmten Dramatikers vor 250 Jahren gedichtet hat: "Andreas hat gefehlet, Philippus falsch gezählet, sie rechnen wie ein Kind, mein Jesus kann addieren und kann multiplizieren, auch da, wo lauter Nullen sind."
Amen.
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